Anne Dettmer
Anne Dettmer, 04.05.2022

Unter dem Begriff der Gesundheit wurde früher die Abwesenheit von Krankheiten verstanden. Die Weltgesundheitsorganisation fasst diesen Begriff weiter und definiert Gesundheit als Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens. Was bedeutet dies in Bezug auf (psychische) Gesundheit am Arbeitsplatz?

Mir erscheint diese Definition zu groß und wenig praktikabel. Wer ist nach dieser Definition noch gesund? Oder müsste man hier nicht eher fragen: Wie viele Minuten pro Tag ist man dann gesund? Irgendwas ist doch immer. ;-)
Im betrieblichen Kontext finde ich vor allem wichtig, dafür zu sensibilisieren, dass Gesundheit immer aus körperlicher UND psychischer Gesundheit besteht. Der Übergang ist dabei fließend, was wir u.a. darin sehen, dass sich psychische Belastungen oft körperlich bemerkbar machen, und umgekehrt. Statt allein an den Rückenschmerzen oder Bauchschmerzen rumzudoktern, wäre ein holistischer Ansatz sinnvoller - auch präventiv. In vielen Unternehmen gibt es auch schon viele Angebote für die körperliche Gesundheit: Obstkörbe, Kantinen mit vegetarischen Gerichten, Sportkurse oder auch höhenverstellbare Tische. In einer zukunftsfähigen und humanistischen Arbeitswelt, die nachhaltig aufgestellt ist, darf die psychische Gesundheit nicht vergessen werden. Hier braucht es viele verschiedene, vor allem niedrigschwellige Angebote und Maßnahmen, die die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden schützen und fördern. Hier kann einerseits an den Rahmenbedingungen angesetzt werden, aber auch beim Führungsverhalten und Arbeitsklima. Anderseits können aber auch Workshops und Coachings wertvolle Impulse liefern und für ein gesünderes Verhalten & Miteinander motivieren. Solche Veranstaltungen helfen außerdem dabei, das Thema psychische Gesundheit sichtbar zu machen und es zu enttabuisieren. Stichworte sind: Resilienz (also psychische Widerstandskraft) und Achtsamkeit (also eine bewusste Haltung dem Leben gegenüber & diverse Entspannungstechniken).

 

Die letzten zwei Jahre haben uns mental und körperlich viel abverlangt. Nun geht es wieder ein Stück weit in Richtung Normalität. Kann die Rückkehr ins Büro nun zu ganz neuen Belastungen führen, wie zum Beispiel zwischenmenschlich, weil man sich so lange (fast) nur digital begegnet ist?

Es kann sich nun anfühlen, als würde man in einer neuen Firma einen neuen Job beginnen, wenn man an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehrt. Das kann irritierend sein, man kann diese Kraft, die in Neuanfängen steckt, aber auch positiv nutzen. Es gibt nun die Chance, das Beste aus beiden Welten - der Büro-Welt und der Homeoffice-Welt - zu vereinen. So wie man im Homeoffice ganz individuell eine Struktur finden musste, um das Berufliche zu Hause gut zu erledigen, lohnt sich nun ebenfalls ein ganz bewusster Blick auf das eigene Zeit-, Selbst- und Projektmanagement. Die Zauberfrage lautet: Was brauche ich, um gesund arbeiten zu können?
Eine besondere Bedeutung kommt nun wieder dem zwischenmenschlichen Miteinander zu. Soziale Beziehungen sind für uns Menschen einerseits ein wichtiger Resilienzfaktor und sie können sich positiv auf die Arbeitszufriedenheit auswirken. Anderseits kann uns das Miteinander stressen, wenn (unausgesprochene) Konflikte die Kommunikation und die Zusammenarbeit destruktiv machen. Durch das Remote-Arbeiten sind viele zwischenmenschliche Spannungen unbearbeitet geblieben und die Gefahr ist, dass wir es ein bisschen verlernt haben, für unsere Bedürfnisse einzustehen, miteinander konstruktiv zu streiten und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Denn: remote zu arbeiten bedeutet, dass der Fokus der Kommunikation auf der fachlichen Ebene liegt. Die Beziehungsarbeit ist oftmals auf der Strecke geblieben, weil es dazu ein gemeinsames Machen und sich auch privat Erleben braucht, was vor Ort viel selbstverständlicher entstehen kann. In der Videoschalte war man vielleicht verärgert, hat seine Emotionen aber runtergeschluckt und sich dann in den eigenen vier Wänden wieder an die Arbeit gemacht. Viele Menschen sehen es als Hürde an, jemanden um ein virtuelles Konfliktgespräch zu bitten. Das geht leichter, wenn man sich am Kaffeeautomaten begegnet oder man die Tür zu macht und unter vier Augen das Thema anspricht. Wenn man nun wieder zurück im Büro ist, ist es sinnvoll, sich ganz bewusst Zeit für die Beziehungsarbeit zu nehmen: mehr echte Meetings, öfter mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen die Mittagspause verbringen und auch zwischendurch gemeinsam einen Kaffee trinken. Außerdem kann man sich selbst immer wieder dazu motivieren, mehr über die eigenen Bedürfnisse, Erwartungen, Wünsche, Ziele etc. zu sprechen, um deutlich zu machen, was in einem vorgeht. So lassen sich Konflikte vermeiden bzw. konstruktiv bearbeiten. Unternehmen und Führungskräfte können nun für diese Beziehungsarbeit sensibilisieren und dafür Zeit und Raum zur Verfügung stellen, denn ein destruktives Miteinander im Team schadet nicht nur der Gesundheit, es bremst auch die Produktivität aus.

 

Wie können Führungskräfte und Personalentscheider für das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz besser sensibilisiert werden, damit Mitarbeitende körperlich und geistig in einem gesunden Arbeitsumfeld arbeiten?

Gesundheit wird leider noch viel zu oft als Privatsache betrachtet. Im Sinne von: „Bei der Arbeit geht es darum, Leistung zu erbringen. Um die Gesundheit soll sich die/der Mitarbeitende zu Hause selbst kümmern.“ Ganz besonders gilt das für die psychische Gesundheit. Psychische Probleme und Krankheiten gelten oftmals als Tabu. Das ändert sich zum Glück immer mehr. Und vielleicht ist das auch ein positiver Nebeneffekt aus der Corona-Zeit: Wir alle haben gespürt, wie es ist, an unsere mentalen Grenzen zu kommen. In den letzten zwei Jahren ist viel darüber gesprochen worden, wie es einem geht. Reden kann viel bewirken. Um das Reden möglich zu machen, braucht es einen offenen Umgang und Vertrauen. Diese Werte sollten in der Unternehmens- bzw. Teamkultur verankert sein und aktiv gelebt werden. Führungskräfte haben grundlegend eine besondere Verantwortung für die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden und für ein gesundes Arbeitsfeld, da sie einen maßgeblichen Einfluss auf das Arbeitsklima haben, auf die Kommunikations- und Konfliktkultur und eben auch mit ihrem Verhalten eine Art Vorbild sind. Als Beispiel: Wenn Führungskräfte noch um 23 Uhr und am Wochenende Mails schreiben, erzeugen sie unbewusst Erwartungen. Ich freue mich deshalb immer sehr, wenn in meinen Resilienz- und Achtsamkeitsworkshops auch Führungskräfte sitzen oder wenn Unternehmen ganz bewusst für Führungskräfte solche Workshops anbieten. Aus meiner Sicht sind für Menschen, die Personalverantwortung haben, ein Basiswissen über psychische Gesundheit und ein reflexiver Umgang mit den eigenen Belastungen kein „nice to have“, sondern eine Notwendigkeit, so wie branchenspezifisches Fachwissen und gute Skills in Office- und SAP-Programmen.

 

Der richtige Umgang mit Stress ist sowohl für Führungskräfte als auch für Mitarbeitende wichtig, um ein gutes und gelungenes Miteinander zu ermöglichen. Lässt sich der Umgang mit Stress lernen und wenn ja, wie?

Unseren oftmals eher destruktiven Umgang mit Stress haben wir auch erlernt. Deshalb lautet die gute Nachricht, dass wir auch umlernen können. Dabei geht es nicht nur darum, wie wir mit dem Stress umgehen, wenn er da ist, sondern auch schon um die Zeit davor. Also was tragen wir zu unserem Stress bei?
Hier geht es also darum, für sich ganz persönlich zu reflektieren, was Glaubenssätze und innere Antreiber sind. Außerdem sollte man ein individuelles Frühwarnsystem für Stress entwickeln. Unser Körper gibt uns schon sehr schnell Signale, wenn etwas zu viel für uns ist. Viele Menschen neigen aber dazu, diese Signale als Normalzustand wahrzunehmen oder zu überhören. Erst wenn der innere Stress-Vulkan ausbricht, realisieren sie, dass sie sich zu viel zugemutet haben. Und schließlich braucht es praktikable Erholungsstrategien auf verschiedenen Zeitachsen (täglich, wöchentlich, monatlich, jährlich). Achtsamkeits- und Resilienzworkshops oder auch Zeitmanagementworkshops können Führungskräfte und Mitarbeitende für diese Themen sensibilisieren, mit Modellen & Methoden vertraut machen und ein Interesse dafür wecken, sich eigenständig damit tiefergehend zu befassen. Dabei können zwei verschiedene Perspektiven eingenommen werden: die Verhältnisänderung und die Verhaltensänderung. Bei der Verhältnisänderung wird an den betrieblichen Strukturen und den Prozessen gearbeitet, um sie so anzupassen, dass sie für weniger Stress sorgen. Bei der Verhaltensänderung werden die Personen dazu befähigt, besser mit Stressoren umzugehen und eine Bandbreite an Entspannungsmöglichkeiten nutzen zu können. Besonders sinnvoll sind betriebliche Maßnahmen, die beide Perspektiven berücksichtigen.


 

Die Digitalisierung schreitet erfolgreich vorwärts und formt zunehmend eine digitale Welt, in der wir leben und arbeiten. Wie können wir Ihrer Meinung nach in einer digital geprägten Welt gesund arbeiten?

Unser Gehirn, das über Millionen von Jahren durch die Evolution an eine analoge und nahezu regionale Welt perfekt angepasst ist, muss nun in einer digitalen und globalisierten, und dadurch sehr schnellen Welt mit ständig neuen Veränderungen und vielen Reizen funktionieren. Das ist so, als wenn man in seiner kleinen Küche zu Hause für eine Fußballmannschaft kochen will. Klar kann das klappen, aber die Überforderung ist vorprogrammiert, besonders wenn es keine Ausnahme bleibt, sondern zu einer täglichen Herausforderung wird. Natürlich können wir nun das Digitale nicht wieder komplett aus unserer Welt verbannen. Wir können das Digitale aber als das ansehen, was es ursprünglich sein sollte: Werkzeuge, die uns das Leben und Arbeiten leichter machen. Es geht also darum, einen gesunden Umgang mit diesen Werkzeugen zu finden und dafür zu sorgen, dass die Werkzeuge nicht im Mittelpunkt unseres Lebens stehen und unsere komplette Zeit & Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen. Ganz besonders gilt das fürs Private: mehr analoge Zeiten helfen uns gehirngerecht und natürlich zu leben, sie machen Achtsamkeit möglich, helfen beim Entspannen und öffnen den Raum, um mit uns selbst und anderen wahrhaft in Kontakt zu kommen. Aber auch beim Arbeiten kann man sich immer wieder fragen, ob man nun jedes digitale Tool braucht und vor allem auch, wie, wann und wie oft man es nutzen möchte. Statt schnell etwas in den Team-Chat zu hämmern, kann es für die körperliche und psychische Gesundheit förderlich sein, zur anderen Abteilung zu gehen und mit jemandem in einen echten Austausch zu kommen. Gerade bei Konflikten sorgen digitale Tools eher dafür, dass wir uns destruktiv verhalten und dass Probleme verschleppt werden, weil wir uns hinter Formulierungen - teilweise auch zwischen den Zeilen - verstecken, statt ein offenes Gespräch zu suchen und lösungsorientiert zu sein. Die gesunde (Arbeits-)Welt braucht also einen bewussten Umgang mit der Digitalität und analoge Freiräume, in denen wir uns im ursprünglichen Sinne menschlich verhalten und miteinander erleben können.

 

Zur Person

René Träder (Jahrgang 1979) ist Psychologe (M.Sc.) und Journalist aus Berlin. Als Psychologe begleitet er seit mehr als 10 Jahren Veränderungsprozesse von Einzelpersonen, Teams und Unternehmen im Rahmen von Coachings, Workshops und Vorträgen. Seine zentralen Themen sind: Achtsamkeit & Resilienz, Kommunikation & Konflikte sowie Innovationen & Kreativitätsentwicklung.Im September 2020 ist im Ullstein-Verlag sein Resilienzbuch "Das Leben so: NEIN, ich so: DOCH! - Wie du besser mit Stress, Krisen und Schicksalsschlägen umgehst“ erschienen, dass bei argon auch als Hörbuch rausgekommen ist. Außerdem arbeitet René Träder seit rund 20 Jahren journalistisch. So macht er Beiträge für Radiosender, moderiert Sendungen zu psychologischen Themen und ist als Podcaster und bei YouTube zu den Themen Achtsamkeit und Gesundheit aktiv.

Kontakt:

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