Anne Dettmer
Anne Dettmer, 20.12.2021

Liebe Bettina Nolting, im Rahmen Ihrer Arbeit in der MENTOR.I Stiftung beschäftigen Sie sich u.a. mit Fragen zum Sinn der Arbeit. Etwas provokant könnte man doch meinen: warum diese Fragen? Natürlich macht Arbeit Sinn, oder?

Natürlich macht Arbeit Sinn, das ist keine Frage. Auf den ersten Blick. Schaut man jedoch genauer hin, zeigt sich schnell, wie spannend und wichtig es sein kann, eben diese Frage aufzuwerfen. Und zwar nicht nur im Elfenbeinturm der Akademiker, die vielleicht – etwas ironisch gesprochen – nichts anderes zu tun haben, oder anders: deren Arbeit oder Sinn es ist, solche Fragen zu entwerfen.

Denn richtig interessant wird es sofort, wenn man die Frage persönlich fasst: macht meine Arbeit für mich Sinn? Und wenn ja: in welchen Bereichen?

Im täglichen Arbeitsrush stellen sich diese Überlegungen sicher nicht sehr häufig ein. Oft treten sie erst dann auf, wenn man durch unerwartete Gegebenheiten, Vorkommnisse oder Störfaktoren innehalten muss. Der Hamster in seinem Rad fragt nicht nach.

 

Oder vielleicht macht es ja für den Hamster unbedingt Sinn, das Rad in Bewegung zu halten!

Genau! Darum geht es: Zum einen möchte man eine für sich selbst sinnvolle Tätigkeit ausüben, in den Flow kommen, nicht jeden Schritt hinterfragen müssen. Auf der anderen Seite liegt aber exakt hier auch die Gefahr, irgendwann blind oder fremdbestimmt vor sich hinzulaufen, nicht den eigenen Zielen zu folgen, sondern eben – um mal vom Hamsterrad auf ein anderes Bild zu kommen – den Karren am Laufen zu halten, vor den man gespannt ist. Ob das dann aber der eigene Karren ist, das ist eine wesentliche Frage.

 

Frei nach „Life of Brian“ – Jedem sein eigener Karren?

(lacht): In etwa so. Aber natürlich ist dies kein Aufruf zu einem Ego-Trip im Sinne von „Hauptsache Selbstverwirklichung und nach mir die Sintflut“. Wir wollen ja nicht ständig als Einzelkämpfer unterwegs sein, vielmehr besteht ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und Gesellschaft. Also in dem Wunsch, gemeinsam an einem Strick zu ziehen. Und wenn dieses gemeinsame Ziehen an einem Strick von allen als sinnvoll erlebt wird, ist das natürlich ein unglaublich verbindendes Element. Eben hier setzen immer mehr Unternehmens-Leitbilder an.

 

Sie spielen auf die aktuelle Purpose-Debatte an, die momentan in vielen Unternehmen kursiert: welchen Nutzen hat ein Unternehmen, und kennen die MitarbeiterInnen auch den Sinn und Zweck ihres Unternehmens.

Ja, Purpose erscheint manchmal wie eine neue heilige Kuh, die durch die Managementliteratur getrieben wird. Denn Unternehmen haben erkannt, wie wichtig es für ihre MitarbeiterInnen ist, einer für sie sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Es gibt viele Studien, die belegen, dass Unternehmen signifikant erfolgreicher sind, wenn MitarbeiterInnen Werte und Zweck ihres Unternehmens kennen.

Der Grund dafür ist unmittelbar nachvollziehbar: Sinn ist der größte Motivator überhaupt. Jeder möchte eine Arbeit, die sinnvoll erscheint.

Dabei muss der Job im besten Fall nicht nur für einen selbst Sinn machen, sondern möglichst auch einen höheren gesellschaftlichen oder allgemeineren Sinn vertreten. Dieser Punkt ist vermehrt durch die jüngere Generation ins Bewusstsein und damit auch in die Unternehmen gekommen. Sichtet man ein wenig die aktuellen Veröffentlichungen, erscheint es fast so, als habe die Frage nach dem Sinn den Dienstwagen von früher ersetzt. Hier lässt sich deutlich ein Wertewandel beobachten: weg von den extrinsischen hin zu intrinsischen Bereichen.

 

Dann ist doch alles gut, oder? Unternehmen definieren ihren Sinn und Zweck und sehen zu, dass sie ihn auch an die MitarbeiterInnen vermitteln.

Eben da liegt der Hase im Pfeffer. Denn Sinn lässt sich nicht so einfach formulieren oder gar festlegen. Im Gegenteil ist er eine zutiefst persönliche Angelegenheit. Derselbe Job, der für den einen Sinn macht, muss es noch lange nicht für jemand anderen tun.

Aber Sie haben Recht, ich habe manche UnternehmerInnen oder Coaches gehört, die so oder ähnlich argumentieren. Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion, in der ein Berater sagte: „Geben Sie Ihren Mitarbeitern Sinn, und alles ist gut.“ So einfach kann und darf es nicht funktionieren.

Sinn lässt sich gerade nicht von außen verordnen. Quasi auf Rezept verschreiben. Im Gegenteil: Sinn will gefunden werden.

 

Das klingt anstrengend. Wäre es nicht leichter, nicht zu sehr nach dem Sinn zu fragen? Die Sinnsuche sein zu lassen?

Bestimmt ist es nicht sinnvoll, ständig alles zu hinterfragen und darüber dann nicht ins Handeln zu kommen. Sich gewissermaßen im Spiegelkabinett der eigenen Reflexionen zu verirren.

Aber ganz sein lassen können wir es auch nicht, denn der Mensch ist als Sinnsucher auf die Welt gekommen. So charakterisiert etwa der große Psychiater Viktor Frankl den Menschen als Wesen auf der Suche nach Sinn.

Doch man sollte die Sinnfrage auch nicht immer zu hoch aufhängen. Im Alltag etwa lässt sich Sinnerfüllung auf unterschiedlichen Ebenen erfahren. So machte es in einer Lebensphase für mich durchaus Sinn, am Fließband zu jobben, um mein Studium zu finanzieren. Sprich: der Job war also lediglich Mittel zum Zweck. Insofern muss die persönliche Sinnsuche nicht immer gleich der große, einzige, allumfassende Wurf sein. Und kann sich im Laufe des Lebens auch wandeln.

 

Wenn ich mir aber einmal nicht sicher bin, was vielleicht für mich sinnvoll sein könnte? Und andere doch scheinbar so sicher einem Sinn folgen?

Ja, natürlich darf man sich gern von anderen anregen lassen. In der MENTOR.I Stiftung sprechen wir diesbezüglich ja auch ganz bewusst von einem Orientierungsangebot, das inspirieren kann, aber nicht verpflichtend einen Weg vorgibt.

Übrigens liegt für uns genau hier die Quintessenz von echter Mentorenschaft. Sie benennen Ihre Gesellschaft ja nach Aeneas – dann wird Ihnen Homer etwas sagen, in dessen Epen Aeneas seine Heldenreise antritt und auch der Mentor auftritt und den Grundstein zu unserem heutigen Verständnis von Mentoring legt: nämlich zu ermutigen, den eigenen Weg zu gehen.

 

Also ein ebenso zeitloser wie aktueller Ansatz.

Oh ja. Und gerade heute besonders wichtig. Zu oft ist es einfacher, sich in der Masse zu bewegen, das erscheint auf den ersten Blick möglicherweise sinnvoll – der Schutz der Herde, die anscheinend weiß, wo es langgeht, die wohl einem Sinn folgt, dem man sich anschließen kann. Das ist natürlich komfortabel.

Aber viel wichtiger ist: In dem Moment, wo mir von außen eine Sinnhaftigkeit nahegelegt wird, kann mich das durchaus fesseln und vielleicht entdecke ich etwas, worauf ich allein nicht gekommen wäre – dennoch enthebt es mich nicht der Verantwortung, eine extern angebotene Sinnstiftung stets zu hinterfragen. Dies nimmt einem niemand ab. Sinn ist kein Konsumgut!

 

Also kein Sinn auf Rezept?

(lacht): Zum Glück nicht.

 

 

Zur Person

Bettina Nolting studierte Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie. Als Vorsitzende der MENTOR.I Stiftung arbeitet und referiert sie bundesweit zu Themen, die interdisziplinär philosophische und kulturwissenschaftliche Perspektiven mit ökonomischen Fragestellungen verbinden.

Die MENTOR.I Stiftung ist eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Detmold. Ihr besonderer Fokus liegt in den Bereichen Bildung, Führung und Orientierung.

Link zur Website: https://mentori-stiftung.de

AENEAS Blog